Von Vorurteilen, Campern und dem perfekten „Y“: Warum ich die Tussy Van bin
Stell dir vor: Ein staubiger Stellplatz irgendwo im Nirgendwo, umgeben von unberührter Natur, schroffen Felsen und dem rauen Charme des Vanlifes. Die Autotür fliegt auf, und heraus springt... tja, wer eigentlich? Die klassische Outdoor-Ikone im verwaschenen Karohemd? Nicht ganz. Vorhang auf für perfekten Eyeliner, ein gepflegtes Make-up und einen Look, der signalisiert: Ich achte auf mich. Und genau in diesem Moment spürst du ihn förmlich – diesen kollektiven, stummen Aufschrei der alteingesessenen Camping-Community: „Oh mein Gott, da kommt ja voll die Tussi!“
Ich kenne diesen Blick. Ich erlebe ihn fast jedes Mal, wenn ich aus meinem Camper klettere. Es ist dieser Bruchteil einer Sekunde, in dem die Schubladen im Kopf meines Gegenübers mit einem lauten Knall zuschnappen. Vorurteile im Multipack, direkt frei Haus geliefert. Doch anstatt mich darüber zu ärgern oder mich anzupassen, lehne ich mich entspannt zurück und lächle. Denn ich habe dieses vermeintliche Schimpfwort zu meinem stärksten Markenzeichen gemacht. Ich bin die Tussy Van – und das ist die Geschichte dahinter, warum dieser Name nicht nur ein genialer Zufall, sondern absolute Perfektion ist.
Das Schicksal und die Sache mit dem „Y“
Wie das Leben manchmal so spielt, fangen die besten Storys mit einem ganz pragmatischen Problem an. Als ich damals mein Instagram-Profil anlegen und eine passende Gmail-Adresse einrichten wollte, hatte ich eine vage Idee im Kopf. Doch das Internet belehrte mich schnell eines Besseren: „Tussi“ mit einem klassischen „i“ am Ende? Längst vergeben. Ausverkauft. Weggeschnappt.
In so einem Moment kann man frustriert aufgeben – oder man lässt die Kreativität walten. Ich dachte mir: „Hey, passt doch! Warum nicht einfach mit ‚y‘ schreiben? Tussy. Sieht irgendwie cooler aus und macht das Ganze individuell.“ Was ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht richtig auf dem Schirm hatte: Das war ein absolutes Zeichen des Schicksals! In meinem echten Nachnamen steckt nämlich auch ein Y. Und jeder, der einen ungewöhnlichen Buchstaben im Namen trägt, kennt das dazugehörige, lebenslange Ritual: Bei jedem Telefonat, bei jedem Behördengang, bei jeder offiziellen Vorstellung sage ich gebetsmühlenartig denselben Satz: „...und wohlgemerkt mit Ypsilon, nicht mit I!“
Dass mein digitaler Name nun genau dieselbe sprachliche Erklärung erfordert, war für mich der finale Beweis: Das ist kein Zufall, das ist Vorbestimmung. Das Y bleibt. Es schlägt die perfekte Brücke zwischen meiner realen Identität und meinem Alter Ego auf vier Rädern.
Klischee trifft Realität: Der Sprung aus dem Camper
Aber warum überhaupt dieses Wort? Warum sich freiwillig ein Label verpassen, das in unserer Gesellschaft oft mit Oberflächlichkeit, Zickigkeit oder Unselbstständigkeit gleichgesetzt wird? Die Antwort liegt in der wunderbaren Ironie, die sich tagtäglich auf meinen Reisen abspielt.
Ich bin geschminkt. Ich liebe Kosmetik, ich achte auf mich und ich sehe absolut keinen Grund, warum ich meine Weiblichkeit und meine Freude an Äußerlichkeiten an der Grenze zum Campingplatz abgeben sollte. Das moderne Vanlife wird in den sozialen Medien oft als eine Art „Zurück zur Natur“-Extremismus inszeniert, bei dem man gefälligst tagelang ungeduscht im Schlafsack verharren muss, um als „echt“ zu gelten. Ich sehe das anders. Man kann den Ölstand prüfen, Holz hacken, autark in der Wildnis stehen – und sich trotzdem morgens die Wimpern tuschen.
Es ist ein faszinierendes psychologisches Phänomen: Die Menschen sehen das Make-up und folgern fälschlicherweise, dass dahinter kein Platz für handwerkliches Geschick, logisches Denken oder Abenteuerlust ist. Sie erwarten eine hilflose Frau, die beim ersten Anzeichen eines Problems nach dem Pannendienst ruft. Doch die Vorurteile sind eben nur so lange im Raum, bis sie mich kennenlernen. Bis sie mit mir sprechen. Und bis sie sehen, was ich eigentlich alles draufhabe.
Sobald wir gemeinsam am Lagerfeuer sitzen, ich fachmännisch meinen Van repariere oder die autarke Bordtechnik erkläre, bricht das Kartenhaus der Stereotype krachend zusammen. Dann ist der Moment des Triumphs da: Das Vorurteil verfliegt, aber die „Tussy“ bleibt als liebevolle Beschreibung im Kopf.
Die Neuerfindung der „Tussy“ – mit Respekt und Sarkasmus
Und genau hier schließt sich der Kreis zu meinem Leben. Ich nehme dieses historisch negativ besetzte, von Klischees überladene Wort und drehe es komplett auf links. Ich nutze es scherzhaft, ironisch und mit einem riesigen, sarkastischen Augenzwinkern für mich selbst. Ich spiele mit dem Klischee, anstatt darunter zu leiden.
Das Schöne daran ist: Wenn die Leute mich heute als „Tussy“ bezeichnen, tun sie es nicht mehr abwertend. Es wird nicht als Beleidigung ausgesprochen, sondern mit tiefem Respekt. Es ist zu einem unverkennbaren Code geworden. Wenn auf dem Stellplatz jemand sagt: „Da drüben steht die Tussy mit ihrem Van“, dann weiß sofort jeder ganz genau, wer gemeint ist. Man muss meinen echten Namen gar nicht kennen. Der Begriff transportiert sofort ein klares, starkes Bild: Da ist eine Frau, die sich selbst nicht zu ernst nimmt, verdammt gut aussieht, aber gleichzeitig anpacken kann wie ein Profi.
Es ist meine persönliche Strategie, um mit den Erwartungshaltungen der Welt umzugehen. Indem ich das Klischee offensiv umarme, nehme ich jedem Kritiker den Wind aus den Segeln. Man kann mich nicht mit einem Label bewerten, das ich mir bereits selbst mit Stolz und Humor auf die Fahne geschrieben habe.
Bleib dir treu – egal in welcher Schreibweise
Am Ende des Tages zeigt meine Reise als Tussy Van vor allem eines: Lass dich niemals von den starren Regeln anderer einschränken. Wenn du Lust hast, im schicken Outfit den Reifendruck zu kontrollieren, dann tu es. Wenn du dir im Schlamm der Offroad-Piste kurz Gedanken um deine Fingernägel machen willst – bitteschön!
Das Leben ist viel zu kurz, um in die staubigen Schubladen zu passen, die andere für uns gezimmert haben. Nutze die Klischees, spiel mit ihnen, lach darüber und brich sie auf deine ganz eigene Weise auf. Und wenn dir das Leben beim Erstellen deiner Kanäle mal wieder ein besetztes „I“ vor die Nase setzt, mach einfach ein glänzendes, perfektes Y daraus.
Wir sehen uns auf der Straße – geschminkt, autark und bereit für das nächste Abenteuer!
Bis bald und immer gute Fahrt,
eure Tussy 💛